Deine Musik in Gottes Ohr…
Ein Gottesdienst in der Vineyard Heidelberg
Von Ruth Bachmann, Peter Baumgardt und Anita Brutler
Soundcheck an den Mikrofonen. Die Band, das sogenannte „Anbetungsteam“, macht sich bereit. Der Gitarrist stimmt sein Instrument und trifft letzte Absprachen mit dem Verantwortlichen am Technikpult. Es ist Samstagnachmittag 17.00 Uhr; zu dieser Jahreszeit dämmert es draußen bereits. Die Gemeinde der evangelischen Freikirche Vineyard Heidelberg trifft sich zum wöchentlichen Gottesdienst.
Beim Eintreten ist der schlicht und modern gestaltete Gottesdienst-Raum in Heidelberg Handschuhsheim hell erleuchtet. An ein „klassisches“ christliches Kirchengebäude erinnern vielleicht die Anordnung der Stuhlreihen links und rechts des Mittelgangs und ein einzelnes rundes Buntglasfenster am Raumende. Ansonsten ist der Raum ungeschmückt, keine Kreuze, kein Altar. Die Vineyard Heidelberg verfügt jedoch nicht über eigene Räumlichkeiten, sondern mietet diese von einer anderen christlichen Freikirche an.
Nach und nach füllt sich der Raum mit Gottesdienstbesuchern. Sie legen Jacken und Mäntel ab und bedienen sich an bereitgestellten Getränken. Die Begrüßungen sind herzlich. Neue Besucher werden freundlich angesprochen, man ist gleich „per du“. Die Menschen stehen in kleinen Grüppchen zusammen, einige haben bereits Platz genommen. Viele Studierende und junge Familien sind gekommen; kleine Kinder laufen durch die Stuhlreihen. Der Hall der lebhaften Gespräche und Lachen erfüllen den Raum.
Etwa viertel nach fünf haben sich die nun etwa 80 Besucher auf den bequemen Polsterstühlen niedergelassen. Vor Beginn des eigentlichen Gottesdienstes werden nun die jüngeren Kinder von ihren Eltern auf die Bühne begleitet. Sie werden mit einem gemeinsam mit der Gemeinde gesungenen Kinderlied in den „Kindergottesdienst“ verabschiedet, der parallel in einem Nachbarraum stattfindet.
Der Gottesdienst wird mit einer Begrüßung und einigen terminlichen Ankündigungen eröffnet. Erstmalige Besucher bekommen eine Willkommens-CD mit Musik der Vineyard sowie Infomaterial geschenkt. Bald darauf wird das Licht gedimmt, das Ambiente wird stimmungsvoll und feierlich. Vorne hat das „Anbetungsteam“ zu Instrumenten und Mikrofon gegriffen und spielt die ersten Klänge eines Liedes, während die Aufforderung gemacht wird, dass man aufstehen könne, wenn man wolle. Die sogenannte Anbetung beginnt.
Die gespielten Lieder sind melodisch und eingängig, teils auf Deutsch, teils auf Englisch. Gesangbücher gibt es nicht, die Texte werden zum Mitsingen mittels Beamer an die Wand über der Bühne projiziert. Die meisten singen mit, viele im Sitzen, einige im Stehen, mit geöffneten Armen und expressiven Gesten. Ein junger Mann wiegt seinen Körper im Takt der Musik und klatscht. Ein anderer kniet sich auf den Boden und faltet die Hände über dem Kopf. Jedem ist es jedoch selbst überlassen, wie er sich einbringen beziehungsweise auf die Anbetungsmusik einlassen möchte. Dazu meint der Gründer der Gemeinde, Marlin Watling: „Wir sind nicht nur Hirn, das zufällig in den Körper gezwängt wurde, sondern wir sind Körper - Geist, Seele und Körper, und wollen Gott mit dem ganzen Wesen anbeten. Wie bei einem Rockkonzert soll die körperliche Haltung die Stimmungen unterstützen.“ Dem Selbstverständnis der Gemeinde nach wird in diesen Liedern nicht nur über Gott, sondern zu Gott selbst gesungen – Gott wird also durch die Musik angebetet.
In der Geschichte der Vineyard spielte Musik von Beginn an eine bedeutende Rolle. Der Gründer der Vineyard Bewegung John Wimber war bis 1963 Mitglied einer erfolgreichen kalifornischen Soul-Band. Im selben Jahr rettete nach eigener Aussage eine Erfahrung mit Gott seine zerrüttete Ehe, und er bekehrte sich zum Christentum. Er gab das mit einem hohen Alkohol- und Drogenkonsum verbundene Musikerleben auf und begann einen Hauskreis zu leiten. In den folgenden Jahren brachte er sich in einer Quäker-Gemeinde ein und trat später mit einer Gruppe von Gleichgesinnten dem Gemeindeverband „Calvary-Chapel“ bei. Die Calvary Chapel wurde zu Beginn der 70er Jahre stark vom Jesus Movement, einer christlichen Bewegung innerhalb der amerikanischen Hippie-Szene, geprägt. Die sogenannten „Jesus People“ wollten Gott in ihren eigenen, zeitgemäßen Ausdrucksformen anbeten. Sie kritisierten die allgemeinen politischen und gesellschaftlichen Zustände ihrer Zeit und suchten auch in Glaubensfragen nach neuen Wegen jenseits des etablierten Mainstreams. Die Gottesdienste hatten oft den Charakter von Happenings, an denen Tausende von Menschen teilnahmen. Es wurde Musik gemacht, gesungen, und gebetet, aus Platzgründen auch unter freiem Himmel. Dabei wurde meist großen Wert auf die „Gaben des Heiligen Geistes“ gelegt. Dazu gehörten neben Weisheit und Glaube auch Prophetie, Zungenrede, Krankenheilungen und andere Wunder.
Wimber erkannte unter anderem darin wichtige Elemente christlicher Praxis. Er vertrat die Meinung, dass das Reich Gottes nicht nur verkündigt, sondern auch demonstriert werden muss. Heilungsgebete und die Erwartung und Möglichkeit von Wundern, von Gottes Wirken im Alltag, wurden selbstverständlicher Teil seines Gottesdienstes. Wimber und seine Mitstreiter traten darüber hinaus für eine schlichte, persönliche Beziehung zu Gott ein, die alle Ebenen des alltäglichen Lebens durchdringt. Logische Konsequenz war für sie die Überzeugung, dass alle Menschen einen gleichwertigen Zugang zu Gott hätten und es keine ausgewiesenen religiösen Spezialisten geben müsse, die in eine „Mittlerrolle“ zwischen Gott und den Menschen träten. Gleichzeitig betonten sie aber in der Abgrenzung zur Jesus People Bewegung auch die Stetigkeit und gemeinsame Basis, die notwendig sei, um einer Gemeinde Struktur zu verleihen.
Mit seiner Einstellung der Rolle von Heilungen und Wundern im Gottesdienst geriet Wimber in Konflikt mit den Leitern der Calvary Chapel, und ihm wurde nahegelegt, den Verband mit seiner Gemeinde zu verlassen. Er entschloss sich 1982 zu diesem Schritt und gründete mit einigen anderen Gemeinden die Vineyard Christian Fellowship, deren Leitung er übernahm.
Die Vineyard Gemeinden wuchsen rasch. Das sogenannte ‚Churchplanting‘, das aktive Gründen neuer Gemeinden, gewann in der Vineyard große Bedeutung. Außerdem traten Gemeinden anderer Denominationen dem Vineyard Verband bei. Im Jahre 1992 fand die Vineyard ihren Weg auf das europäische Festland und schließlich auch in den deutschsprachigen Raum. Es gründete sich der Dachverband Vineyard D.A.Ch (Deutschland, Österreich, Schweiz), der den einzelnen Vineyard Gemeinden sowie deren Zielen und Visionen im deutschsprachigen Raum einen Rahmen und Stabilität geben soll. Über die Schweiz gelangte die Vineyard in die Metropolregion Rhein Neckar: 1996 trat eine ehemalige Baptistengemeinde in Speyer der Vineyard bei. Die Vineyard Heidelberg ist sozusagen die Tochtergemeinde der Vineyard Speyer, wurde 2002 von Marlin Watling und seiner Frau initiiert und aus einem Hauskreis heraus gegründet. Die Gemeinde zählt gegenwärtig ca. 150 sich aktiv beteiligende Mitglieder.
Betrachtet man den Gottesdienst der Heidelberger Gemeinde im Lichte der Geschichte der Vineyard Bewegung, finden sich viele zentrale Elemente wieder. Dazu gehört neben dem unprätentiösen, familiären Umgang, dem Erwarten von Gottes Wirken im Alltag und den lebensnahen Gebeten und Predigten nicht zuletzt die eingängige, melodische Musik des „Anbetungsteams“.
Nach etwa einer halben Stunde schließt ein Mitglied der Band die Anbetungsphase mit einem spontanen Gebet, das zu den letzten, ausklingenden Tönen gesprochen wird. Es handelt sich jedoch nicht um ein vorformuliertes, sondern um ein spontanes Bitt- bzw. Dankgebet an Gott, das ruhig oder inbrünstig, jedoch typischerweise stets umgangssprachlich, in alltäglichen Worten geäußert wird. „Gott redet nicht in altdeutsch“, kommentiert eine Gottesdienstteilnehmerin uns gegenüber. Die Gebete bieten auch für jeden Einzelnen Gelegenheit, seine eigenen Worte im stillen Gebet an Gott zu richten, wozu der Anbetungsleiter einlädt.
Anschließend wird es im Raum wieder hell. Einer der Gottesdienstleiter ergreift das Mikrofon und bietet jedem Gottesdienstteilnehmer die Möglichkeit, nach vorne zu treten und der Gemeinde von Anliegen und persönlichen Erfahrungen zu berichten. Hierbei kann es sich um Gedanken und Einsichten handeln, die aus Alltagsbegebenheiten gefolgert werden oder auch nur um den momentanen Stand des eigenen Lebens, an dem die Gemeinschaft teilhaben soll. Weiterhin soll vor allem Zeugnis gegeben werden vom erlebten Wirken Gottes im eigenen Leben. Diese Praxis der Zeugnisse entspricht sozusagen einem 'demokratischen' Selbstverständnis, nach dem nicht nur etwa ein Pastor als religiöser Spezialist aufgrund seiner privilegierten Stellung das Wort vor der Gemeinde hat, sondern jeder Mensch einen gleichwertigen Zugang zu Gott hat. (Seit der Reformation gibt es die protestantische Vorstellung des 'Priestertums aller Gläubigen', in Abgrenzung zum 'sakramentalen Priestertum'). „Wir glauben, dass in jedem der Heilige Geist ist und jeder kann Gottes Stimme hören“, sagt der Gottesdienstleiter. „Deshalb hat jeder die Gelegenheit, seine Eindrücke der Gemeinde vorzutragen.“ Bei diesen sogenannten 'Eindrücken' handelt es sich ganz allgemein um Informationen und Eingebungen, denen zugeschrieben wird, dass sie von Gott kommen können. Es gibt in der Vineyard die Vorstellung, dass der Mensch jederzeit und jegliche Fragen betreffend in ein dialogisches Verhältnis mit Gott treten kann und Gottes Stimme hören kann. „In jeder anderen Religion wäre ich, wenn ich Gott hören würde, ein Riesenprophet“, meint Marlin Watling, der Gründer der Heidelberger Gemeinde, augenzwinkernd. Der Versuch, täglich „Funkkontakt“ zu Gott herzustellen spielt für sein Verständnis von Christentum eine wesentliche Rolle. Er erläutert: „Eine Beziehung baut auf Kommunikation auf – und Gott ist an Beziehung zu Menschen interessiert.“
Auch gibt es anschließend die Gelegenheit für einzelne Gemeindemitglieder in bestimmten Lebenslagen gemeinsam zu beten. Das kann beispielsweise ein Ehepaar sein, das in den nächsten Wochen ein Kind erwartet, oder auch der Helfer, dem im Gebet dafür gedankt wird, dass er während des Gottesdienstes die Tontechnik übernimmt. Die betreffende Person wird dabei von ihr nahestehenden Personen umringt, die ihr Hände auflegen oder sie segnend in ihre Richtung erheben. Nacheinander sprechen die Personen ein spontanes Bittgebet. „Es nützt etwas zu beten, denn Gott nimmt sich Gebete zu Herzen. Er wirkt auch ohne die Gebete, aber er nutzt die Gebete“, meint dazu ein Leiter der Gemeinde.
Die daran anschließende Predigt dauert etwa eine gute halbe bis dreiviertel Stunde und behandelt jeweils ein mehr oder weniger fest umrissenes Thema, wie Einsamkeit oder die Beziehung des Menschen zu Gott. In die Predigt können Elemente aus verschiedenen Quellen einfließen, die multimedial anschaulich vermittelt werden: typisch sind biographische und anekdotische Alltagserfahrungen des Predigers, mit deren Hilfe Bibelstellen illustriert werden. Die Bibelzitate, aber auch Zitate von bekannten Persönlichkeiten, werden wiederum für die Gemeinde sichtbar an die Wand projiziert. Eine Szene aus dem Neuen Testament wird auch mal mit einer Kreidezeichnung auf einer Tafel erklärt.
Zum Abschluss des Gottesdienstes gibt es nochmal eine Anbetungsphase mit zwei bis drei Liedern, bevor die Besucher mit einem Gebet verabschiedet werden. Es ist nun etwa 19.00 Uhr. Die Kinder kommen wieder dazu und laufen schreiend und lachend durch die sich leerenden Stuhlreihen. Viele Besucher vertiefen sich nach dem Gottesdienst in kleinen Gruppen in Gespräche und trinken noch etwas von den bereitgestellten Getränken. Einige verabreden sich für den Abend; ein paar Studenten treffen sich noch bei einem Bandmitglied um gemeinsam DVDs zu schauen und Neuigkeiten auszutauschen.
Aus Gesprächen mit Gemeindemitgliedern geht hervor, dass für viele Gottesdienstbesucher – neben der ansprechenden Musik und den alltagsrelevanten Predigten – gerade die Gemeinschaft mit anderen Christen ein wichtiger Grund für die Teilnahme ist. Man trifft Freunde und Bekannte, tauscht sich aus und erhält neue Impulse für die kommende Woche. Der Gottesdienst der Vineyard Heidelberg ist demzufolge ein zentrales Ereignis für die Gemeindemitglieder. Weiterhin spielt der Gottesdienst für die Gewinnung neuer Mitglieder eine große Rolle. Interessierte können die Gemeinde so in einem offenen Rahmen zwanglos kennenlernen und mit Mitgliedern ins Gespräch kommen.
Der Gottesdienst als wöchentliche Veranstaltung soll jedoch in der Vineyard Heidelberg nicht das einzige Ereignis religiösen Lebens sein. „Die Gefahr besteht darin, dass der Gottesdienst allein zur Passivität erzieht. Es ist schließlich eine Zuhörveranstaltung“, warnt Marlin Watling. Eine 'Konsumhaltung' soll vermieden werden, da das christliche Ideal persönliche Aktivität in der Beziehung zu Gott sei. Es gibt daher eine Reihe anderer Aktivitäten von der Gemeinde und ihren Mitgliedern, innerhalb derer der Einzelne sich persönlich einbringen und engagieren kann.
Dazu gehören kleinere Gruppen innerhalb der Gemeinde, sogenannte Gemeinschaften, die Namen tragen wie beispielsweise „EOS“, „FreiRaum“ oder „echt“, die aus 20-70 Personen bestehen können. Sie setzen sich jeweils unterschiedliche Schwerpunkte, wie sie ihrem Glauben gemeinsam Ausdruck verleihen wollen. Der kleinere, persönlichere Rahmen macht es ihnen leichter, dementsprechende Unternehmungen zu organisieren. So initiierte die Gemeinschaft „FreiRaum“ beispielsweise Besuche in Altenheimen oder ein Nachhilfeprojekt für Heimkinder. Eine andere Aktion bestand darin, auf der Heidelberger Hauptstraße Passanten „free hugs“, also kostenlose Umarmungen, anzubieten.
Einen etwas anderen, noch familiäreren Rahmen bilden die sogenannten Hauskreise. Hier finden sich, meist im Wochenrhythmus, jeweils zwischen 7 und 12 Menschen zusammen. Es wird über über Erfahrungen und Erlebnisse der Teilnehmer gesprochen, die gemeinsam reflektiert werden. Bibelstellen werden gelesen und diskutiert, jedoch auch andere Literatur, Filme oder Musik können Gegenstand der Gespräche sein. Ein Gemeindemitglied beschreibt die persönliche Bedeutung der Hauskreise so: „Man arbeitet gemeinsam daran die Beziehung mit Gott zu verstärken und die Welt mit Gottes Augen zu sehen“. Die Hauskreise finden, wie der Name schon vermuten lässt, meist im privaten Umfeld zu Hause statt.
Als Vineyard-Mitglied hat man die Möglichkeit, sich in allen diesen Bereichen zu engagieren, wobei es jedoch keine Pflicht gibt den Gottesdienst oder eine andere Gemeindeaktivität wahrzunehmen. Stattdessen kann man individuell entscheiden, welche Aktivität zur eigenen Lebenslage passt. Dass sich die Mitglieder einbringen, wird allerdings gewünscht und gefördert.
Hierbei ist allerdings zu erwähnen, dass es eine formelle Mitgliedschaft nicht gibt; Mitglied ist vielmehr, wer sich der Gemeinde zugehörig fühlt.
In der Vineyard gibt es keine formalen Hindernisse, um den Gottesdienst als Helfer, als Mitglied des Gebetsteams oder auch als Prediger mitzugestalten oder auch in der Gemeindeleitung mitzuwirken. 'Wahlen' gibt es für die verschiedenen Aufgaben in der Gemeinde allerdings nicht. Personen, die sich durch ihr Engagement hervorheben, werden hierzu von Gemeindegründer Watling oder Personen des Leiter-Teams angesprochen. Es ist etwa keine besondere Ausbildung vonnöten um zu predigen. „Man sollte das Gefühl haben, dass die Person innerlich mit den Themen dabei ist und etwas zu sagen hat“, meint der Gemeindegründer als Kriterium für die Ausübung der Predigt. Genauso sei es bei Menschen oft erkennbar, wenn sie „natürlicherweise leiten“. Gegenwärtig bilden stets drei Personen den halbjährlich rotierenden „Lenkrat“ der Gemeinde. Darunter ist Murat Yulafci, der einzige fest angestellte Gemeindemitarbeiter. Er leitet häufig durch den Gottesdienst oder übernimmt die Predigten. Die Gehälter für Yulafci und zwei andere Mitarbeiter, die Miete für das Kirchengebäude und sonstige anfallende Kosten werden sämtlich über Spenden der Mitglieder finanziert. Rechtlich gesehen ist die Vineyard Heidelberg ein eingetragener Verein. Bezüglich der Organisationsform kann es aber zwischen den einzelnen Vineyard-Gemeinden deutliche Unterschiede geben. Die Vineyard Berlin beispielsweise ist rechtlich und organisatorisch Teil der evangelischen Landeskirche Berlin-Brandenburg - schlesische Oberlausitz, aber gleichzeitig Mitglied des Vineyard-Dachverbandes.
Die Vineyard-Bewegung wächst seit dem vergangenen Jahrzehnt auch in der Metropolregion: Neben der Gemeinde Heidelberg und deren Muttergemeinde Speyer, mit etwa 200-250 Mitgliedern, gibt es seit 2 Jahren ein Gemeindegründungsprojekt in Mannheim, an dem sich mittlerweile bereits 30-40 Personen beteiligen. Darüber hinaus gibt es andere Projekte, z.B. in Eppingen. Die Gemeinden können dabei in der jeweiligen Ausgestaltung mitunter sehr unterschiedlich sein. Es wird betont, dass jede Vineyard-Gemeinde in Erscheinung und Praxis individuell ist. Das in Deutschland klassische Konzept von Kirchlichkeit scheint hier infrage gestellt. Marlin Watling charakterisiert die Vineyard-Bewegung als werte- und beziehungsbasierte Gemeinschaft bzw. Organisation. Während in den einzelnen Gemeinden jeweils ein individueller „Flavour“ zu spüren sein soll, teilen sie alle einen gemeinsamen „Kern“ an Werten oder theologischen Richtlinien, wie beispielsweise das „ABC des Glaubens“ (Anbetung, Barmherzigkeit, Charakter). Weiter darüber hinausgehende Vorgaben werden im Zuge einer Gemeindegründung nicht mitgegeben.
Dem Gründer zufolge ermöglicht diese Offenheit in der konkreten Gemeindegestaltung der Vineyard Heidelberg auch die Zusammenarbeit mit anderen christlichen Gemeinden und Studentengruppen in Heidelberg. So können beispielsweise in Gemeinschaften und Hauskreisen auch Christen teilhaben, die sich nicht als Vineyard-Mitglieder verstehen. Das „Label“ spielt dabei laut Aussage des Gemeindegründers eine untergeordnete Rolle; laut Watling versteht sich die Vineyard Heidelberg lediglich als kleiner, unwesentlicher Teil des „Reiches Gottes“, als eine Art, Christentum zu leben: „Über dem Ganzen steht das Reich Gottes, und wir sind eine Instanz davon. Wir sind nur ein Gemüse in der Gemüsesuppe.“
Links:
Die Homepage der Gemeinde:
http://www.vineyard-heidelberg.de/
Die Homepage des Vineyard DACH-Verbandes:
Vineyard-Musik:
http://www.vineyardmusic.com/vm/
Die Vineyard als evangelische Freikirche
Die Vineyard selbst bezeichnet sich als evangelische Freikirche. Evangelisch bedeutet wörtlich „auf das Evangelium zurückgehend.“ Die während der Reformation entstandenen Kirchen nutzten diesen Begriff, um die alleinige Gültigkeit der Bibel im Gegensatz zur kirchlichen Tradition und anderen Quellen zu betonen. Sie grenzten sich damit deutlich von der römisch-katholischen Kirche ab, in der die Kirche, die kirchlichen Traditionen und der Papst ebenfalls als heilig anerkannt werden. Heute verstehen sich die evangelischen Landeskirchen und ein Großteil der Freikirchen in Deutschland als evangelisch.
Der Terminus Freikirche wird in Deutschland hauptsächlich als Sammelbegriff benutzt, um christliche Kirchen außerhalb der evangelischen Landeskirchen und der römisch-katholischen Kirche zu fassen. Darunter fallen beispielsweise die Mennoniten, die sich bereits im 16. Jahrhundert während der Reformationszeit als Bewegung formierten, aber auch die Jesus Freaks, die sich erst 1991 im Rückbezug auf die amerikanische Hippiebewegung gründeten. Auch wenn das Bild der Freikirchen in der Öffentlichkeit häufig von problematischen Positionen zur Sexualmoral und zur darwinschen Evolutionslehre geprägt wird, findet sich zwischen liberal und fundamentalistisch die ganze Breite theologischer Positionen.
Das Reich Gottes als theologisches Konzept
Die 'Praxis von Gottes Reich' spielte für John Wimber und spielt für die Vineyard theologisch eine wichtige Rolle. Es herrscht die Vorstellung, dass das Reich Gottes mit dem Leben Jesu angebrochen ist. Es existiert allerdings parallel zum 'Reich dieser Welt', also zu unserer Alltagswelt. Um am Reich Gottes teilhaben zu können, muss ich meine Sünden bekennen und Jesus Christus als meinen Herrn annehmen. Es wird davon ausgegangen, dass Jesus zu einem unbestimmten Zeitpunkt in der Zukunft am 'Tag des Herrn' persönlich wiederkehren wird, und das Reich Gottes von da an universelle Gültigkeit besitzt. Das Reich dieser Welt wird dann ein Ende finden, und jeder Mensch steht vor einer 'entweder-oder' Entscheidung. Entweder er bekennt sich zu seinen Sünden und folgt Jesus, oder er wendet sich ab und ist verdammt.
Bis zur Wiederkehr Jesu allerdings gelte es, das Reich Gottes nicht nur durch Worte zu verkündigen, sondern auch in die Praxis umzusetzen. Diese Praxis liege in der Nachfolge Jesu, also darin, das zu tun was auch Jesu und seine Jünger getan und als wichtig erkannt hatten. Dazu gehören Heilungsgebete, Predigten, das Leben in Gemeinschaft und ganz allgemein die Erwartung von Gottes Zeichen und Wundern im Alltag.
Einigen Gottesdienstbesuchern sind diese theologischen Konzepte vielleicht sehr wichtig, es ist aber davon auszugehen, dass sie nicht allen bekannt sind oder deren ungeteilte Zustimmung finden. Viele kommen vielleicht wegen der Musik, der alltagsrelevanten Predigten oder ihrer Freunde zum Gottesdienst, wissen aber wenig über theologische Hintergründe oder haben ganz eigene Vorstellungen vom „Reich Gottes“.
